Donnerstag, 10.09.2026

ERLkomm: Eine Universitätsstadt muss mehr für junge Menschen bieten

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Erlangen. Meinung. Klar.

Erlangen bezeichnet sich mit guten Gründen als Universitätsstadt. Die Friedrich-Alexander-Universität prägt das Stadtbild, die Wirtschaft, den Wohnungsmarkt und einen erheblichen Teil des täglichen Lebens. Junge Menschen kommen zum Studium nach Erlangen, beginnen hier ihre Ausbildung, arbeiten am Klinikum, in Forschungsinstituten oder Unternehmen und verbringen wichtige Jahre ihres Lebens in der Stadt.

Eine Universitätsstadt ist aber nicht schon deshalb jung, weil viele junge Menschen dort eingeschrieben sind.

Sie ist dann jung, wenn diese Menschen tatsächlich Platz in ihr finden. Nicht nur einen Platz im Hörsaal oder in der Bibliothek, sondern auch auf öffentlichen Plätzen, in Kulturangeboten, im Nachtleben, in Vereinen, in selbstorganisierten Projekten und ganz banal an Orten, an denen man sich treffen kann, ohne vorher einen Tisch reservieren oder etwas kaufen zu müssen.

ERLkomm meint: Erlangen sollte junge Menschen nicht lediglich als Studierende, Schüler, Auszubildende oder zukünftige Fachkräfte betrachten. Eine junge Stadt braucht Räume für ein Leben, das keinen unmittelbaren Zweck erfüllen muss.

Mehr als 24.000 Erlanger sind zwischen 18 und 29 Jahre alt

Wie wichtig junge Erwachsene für Erlangen sind, lässt sich schon an der Bevölkerungsstruktur erkennen.

Ende 2025 lebten 11.590 Menschen zwischen 18 und unter 25 Jahren sowie weitere 12.825 Menschen zwischen 25 und unter 30 Jahren mit Hauptwohnsitz in Erlangen. Zusammen sind das 24.415 Menschen.

Damit ist ungefähr jeder fünfte Einwohner der Stadt zwischen 18 und 29 Jahre alt.

Hinzu kommt eine große Zahl Studierender, die ihren Hauptwohnsitz nicht zwangsläufig in Erlangen angemeldet hat.

Im Wintersemester 2025/2026 waren insgesamt 38.625 Studierende an der FAU eingeschrieben. Für einen großen Teil von ihnen liegt der Studienschwerpunkt in Erlangen.

Diese Größenordnung verändert eine Stadt.

Sie verändert Gastronomie und Einzelhandel, Wohnungsmarkt und Verkehr, Kultur und Ehrenamt, öffentliche Räume und Nachtleben.

Eine Stadt mit dieser Struktur sollte Jugendlichkeit deshalb nicht als Nebenprodukt der Universität betrachten.

Sie ist ein Teil ihrer Identität.

Erlangen hat viel zu bieten, aber das ist nicht die ganze Frage

Es wäre unfair zu behaupten, junge Menschen hätten in Erlangen nichts zu tun.

Es gibt das E-Werk, Jugendhäuser und Jugendclubs, Sportvereine, universitäre Gruppen und Hochschulsport. Es gibt die Bergkirchweih, das Poetenfest, den Internationalen Comic-Salon und das Figurentheaterfestival. Mit dem kubic existiert inzwischen außerdem ein Kultur- und Bildungscampus mit Musikschule, Jugendkunstschule, Veranstaltungsräumen, Werkstätten und offenen Begegnungsflächen.

Auch die offene Jugendarbeit besitzt in Erlangen eine bemerkenswerte Struktur.

Aktuell gibt es 14 selbstverwaltete Jugendclubs. Diese Form der selbstorganisierten Jugendkultur hat in der Stadt eine jahrzehntelange Tradition. Junge Menschen erhalten dort bewusst die Möglichkeit, Freizeit nicht ausschließlich innerhalb professionell organisierter Programme zu verbringen, sondern eigene Räume selbst zu gestalten.

Das alles ist wertvoll.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht:

Gibt es Angebote für junge Menschen?

Sie lautet:

Passt die Stadt zu ihrem tatsächlichen Alltag?

Das ist ein Unterschied.

Junge Menschen wollen sich vor allem einfach treffen

Eine der interessantesten Erkenntnisse liefert ausgerechnet die Stadt selbst.

Der 2026 beschlossene Teilplan Jugend „Erwachsenwerden in Erlangen“ untersucht die Lebenslagen und Bedürfnisse von Jugendlichen zwischen zehn und 21 Jahren. Seine Ergebnisse entstanden in einem Beteiligungsprozess mit jungen Menschen, Fachkräften, Eltern und Trägern.

Ein zentraler Befund lautet: Junge Menschen treffen sich besonders gerne zu Hause und im öffentlichen Raum.

Für attraktive Treffpunkte sind unter anderem Erreichbarkeit, Sitzmöglichkeiten und zugängliche öffentliche Toiletten wichtig.

Das klingt zunächst erstaunlich banal.

Gerade deshalb ist es politisch interessant.

Jugendpolitik konzentriert sich häufig auf Programme. Es werden Workshops organisiert, Ferienangebote erstellt, Kurse gefördert und Veranstaltungen geplant.

All das kann sinnvoll sein.

Aber junge Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihrer Freizeit eben nicht in einem Workshop.

Sie wollen zusammensitzen.

Reden.

Musik hören.

Freunde treffen.

Vielleicht spontan noch jemanden dazuholen.

Und möglicherweise überhaupt nichts tun.

Eine lebenswerte Stadt muss auch dafür Infrastruktur bereitstellen.

Eine Bank kann manchmal wichtiger sein als ein neues Programm

Der Teilplan Jugend zieht aus den Befunden eine ungewöhnlich konkrete Konsequenz.

Die Stadt soll niederschwellige Treffpunkte im gesamten Stadtgebiet besser ausstatten. Genannt werden ausdrücklich überdachte Sitzbereiche, Bänke, Mülleimer, Beleuchtung und barrierefreie öffentliche Toiletten. Besonders Stadtteile mit geringer Angebotsdichte sollen berücksichtigt werden.

Genau darin steckt eine wichtige Erkenntnis für Erlangen.

Jugendfreundlichkeit beginnt manchmal nicht mit einem Millionenprojekt.

Sie beginnt mit einem Dach über einer Sitzbank.

Mit einem Platz, an dem man auch nach einem Regenschauer bleiben kann.

Mit einer Toilette, die abends geöffnet ist.

Mit Licht.

Mit einem Basketballkorb.

Mit einem Trinkbrunnen.

Mit WLAN.

Oder schlicht mit der Entscheidung, jungen Menschen auf einem öffentlichen Platz zuzugestehen, dass sie dort länger sitzen dürfen.

Solche Dinge wirken unspektakulär.

Für den Alltag einer Stadt können sie enorm wichtig sein.

Junge Menschen brauchen Räume ohne Konsumzwang

Damit kommt Erlangen zu einem grundsätzlich größeren Problem moderner Innenstädte.

Sehr viele attraktive Aufenthaltsorte sind kommerziell.

Man sitzt im Café, solange man bestellt.

Man bleibt in der Bar, solange man konsumiert.

Man geht ins Kino, Konzert oder Fitnessstudio, wenn man Eintritt zahlt.

Für Menschen mit gutem Einkommen ist das kaum bemerkenswert.

Für einen 16-jährigen Schüler, eine Auszubildende oder einen Studierenden mit knappem Budget sieht die Situation anders aus.

Öffentliche Räume erfüllen deshalb eine soziale Funktion, die leicht unterschätzt wird.

Sie sind die wenigen Orte einer Stadt, an denen Menschen nebeneinander existieren können, ohne dass ihre Kaufkraft darüber entscheidet, wie lange sie bleiben dürfen.

Gerade eine Universitätsstadt sollte solche Orte besitzen.

Nicht irgendwo am Stadtrand.

Sondern sichtbar.

Auch in zentralen Lagen.

Die Stadt hat das Problem längst erkannt

Bemerkenswert ist, wie weit die 2026 beschlossenen Handlungsempfehlungen gehen.

Erlangen soll öffentliche Räume stärker öffnen. Schulen und andere öffentliche Räumlichkeiten sollen in Zusammenarbeit von Verwaltung, Jugendarbeit und Vereinen nachmittags stärker für Jugendliche und die Öffentlichkeit nutzbar werden.

Die Buchung von Räumen soll möglichst kostenlos, einfach und unbürokratisch funktionieren. Räume sollen sowohl dauerhaft als auch für kurzfristige Projekte verfügbar sein.

Das ist ein ausgesprochen sinnvoller Ansatz.

Denn Räume existieren in einer Stadt häufig bereits.

Sie werden nur zu bestimmten Zeiten nicht genutzt.

Schulen sind dafür das klassische Beispiel.

Vormittags sind sie voller Menschen. Nachmittags und abends stehen Teile der Gebäude leer. Gleichzeitig suchen Vereine, Initiativen, Bands, Jugendgruppen oder informelle Projekte nach bezahlbaren Räumen.

Eine intelligente Stadt versucht, diese beiden Realitäten miteinander zu verbinden.

Eine Universitätsstadt sollte Experimente erlauben

Noch wichtiger ist dabei ein anderer Gedanke.

Junge Menschen brauchen nicht nur Einrichtungen.

Sie brauchen Möglichkeiten, selbst etwas aufzubauen.

Ein Proberaum kann der Anfang einer Band sein.

Ein leerer Raum kann für einen Abend zur Ausstellung werden.

Eine kleine Freifläche kann zu einem temporären Sportplatz werden.

Ein ehemaliges Ladenlokal kann ein studentisches Kulturprojekt beherbergen.

Eine Garage kann zur Werkstatt werden.

Nicht jedes dieser Projekte funktioniert.

Genau das ist der Punkt.

Junge Menschen benötigen Orte, an denen auch Dinge scheitern dürfen.

Eine Stadt, die jede Nutzung erst nach fünf Formularen, sechs Genehmigungen und einer monatelangen Prüfung zulässt, produziert keine kreative Szene.

Sie produziert perfekte Anträge.

ERLkomm würde deshalb noch weiter gehen als die bestehenden Handlungsempfehlungen.

Erlangen sollte ein Programm für temporäre junge Nutzungen schaffen.

Leerstehende oder zeitweise ungenutzte kommunale Flächen könnten für sechs oder zwölf Monate unkompliziert an studentische, kulturelle oder soziale Projekte vergeben werden.

Nicht als dauerhaftes Versprechen.

Sondern als Experiment.

Dabei geht es nicht nur um Studierende

Eine häufige Falle in einer Universitätsstadt besteht darin, „jung“ automatisch mit „Student“ gleichzusetzen.

Erlangen ist aber auch Heimat für Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und junge Beschäftigte.

Nicht alle jungen Menschen bewegen sich selbstverständlich innerhalb der Universität.

Nicht alle besitzen Zugang zu Hochschulsport, studentischen Initiativen oder universitären Räumen.

Und nicht alle verfügen über dasselbe Einkommen oder denselben Bildungsweg.

Der Teilplan Jugend weist genau auf solche Unterschiede hin. Schülerinnen und Schüler an Mittelschulen nehmen beispielsweise deutlich seltener an organisierten Angeboten teil und sind über bestehende Möglichkeiten schlechter informiert.

Das ist ein wichtiger Hinweis.

Eine jugendfreundliche Stadt darf nicht nur für diejenigen funktionieren, die ohnehin wissen, wo sie Informationen finden.

Gute Angebote sind wertlos, wenn ein erheblicher Teil der Zielgruppe sie nicht kennt.

Vielleicht braucht Erlangen tatsächlich eine Freizeitplattform

Eine der Handlungsempfehlungen wirkt zunächst fast überraschend konkret.

Vorgeschlagen wird eine städtische Freizeit-App, in der möglichst viele Angebote gebündelt werden. Filtern können soll man unter anderem nach Stadtteil, Alter, Kosten, Zeitraum und Barrierefreiheit.

Über die Frage, ob dafür tatsächlich eine eigene App nötig ist, kann man diskutieren.

Der zugrunde liegende Gedanke ist aber richtig.

Das Freizeitangebot einer Stadt ist häufig organisatorisch zersplittert.

Die Universität kommuniziert ihre Veranstaltungen.

Die Stadt ihre eigenen.

Vereine haben Webseiten.

Jugendhäuser Instagram-Accounts.

Kulturveranstalter nutzen andere Plattformen.

Private Anbieter wieder andere.

Wer bereits weiß, wonach er sucht, findet meistens etwas.

Wer einfach wissen möchte, was heute Abend in Erlangen los ist, muss Informationen oft selbst zusammensuchen.

Eine Stadt mit zehntausenden jungen Menschen sollte das besser können.

Ob App, Website oder gemeinsamer Veranstaltungskalender ist zweitrangig.

Entscheidend wäre eine zentrale, wirklich vollständige und gut gepflegte Plattform.

Mobilität entscheidet darüber, wer teilnehmen kann

Freizeitpolitik endet außerdem nicht an der Eingangstür eines Jugendhauses.

Ein Angebot kann hervorragend sein. Wenn Jugendliche aus einem äußeren Stadtteil abends nicht vernünftig nach Hause kommen, ist es für sie trotzdem nur eingeschränkt nutzbar.

Auch dieses Problem taucht ausdrücklich im Erlanger Jugendplan auf.

Dort wird vorgeschlagen, den ÖPNV für junge Menschen stärker zu bezuschussen beziehungsweise kostenlos anzubieten. Gleichzeitig sollen Verbindungen aus den Randstadtgebieten und dorthin besser werden und bis in die Abendstunden sowie an Wochenenden konstant verfügbar sein.

Das ist mehr als Verkehrspolitik.

Es ist Teilhabepolitik.

Denn Mobilität bestimmt, welchen Radius ein junger Mensch besitzt.

Wer jederzeit von Büchenbach, Bruck oder einem anderen Stadtteil ins Zentrum und zurückkommt, kann Kulturangebote nutzen, Freunde treffen und Veranstaltungen besuchen.

Wer um 22 Uhr darüber nachdenken muss, wie er nach Hause gelangt, erlebt dieselbe Stadt völlig anders.

Auch Nachtleben ist Standortpolitik

Über Nachtleben wird kommunalpolitisch häufig erst gesprochen, wenn es Probleme gibt.

Lärm.

Müll.

Beschwerden.

Polizeieinsätze.

Anwohnerkonflikte.

Dabei wird leicht vergessen, dass Nachtleben auch ein Teil urbaner Infrastruktur ist.

Eine Universitätsstadt braucht Kneipen, Bars, kleinere Bühnen, Clubs, Konzerte und Orte, an denen Menschen nach 22 Uhr nicht ausschließlich nach Hause gehen müssen.

Das bedeutet nicht, dass Anwohner jeden Lärm hinnehmen müssen.

Aber eine Stadt muss Konflikte zwischen Wohnen und Nachtleben aktiv moderieren, statt kulturelle Nutzungen langfristig einfach aus zentralen Lagen herauszudrängen.

Besonders wichtig sind dabei kleine Veranstaltungsorte.

Die großen Festivals und die Bergkirchweih erzeugen Aufmerksamkeit.

Eine lebendige junge Stadtkultur entsteht jedoch nicht nur an einigen Wochenenden im Jahr.

Sie entsteht an einem gewöhnlichen Mittwochabend im November.

Erlangens Größe ist eigentlich ein Vorteil

Erlangen besitzt dafür erstaunlich gute Voraussetzungen.

Die Stadt ist kompakt.

Viele Ziele sind mit dem Fahrrad erreichbar.

Universität, Innenstadt, Gastronomie und Kultur liegen teilweise eng beieinander.

Genau diese Struktur könnte Erlangens Vorteil gegenüber größeren Städten sein.

In Berlin oder München verteilt sich eine junge Szene auf enorme Flächen.

Erlangen könnte dagegen eine Stadt sein, in der Universität, Kultur und Alltag tatsächlich ineinandergreifen.

Dafür darf die Universität jedoch keine Insel sein.

Die Studierenden müssen nicht nur zum Lernen in die Stadt kommen.

Sie müssen Teil der Stadtgesellschaft werden.

Ehrenamt zeigt, welches Potenzial vorhanden ist

Auch hier liefert der Jugendplan eine interessante Zahl.

Rund 26 Prozent der befragten jungen Menschen engagieren sich ehrenamtlich.

Ein Viertel ist beachtlich.

Es zeigt, dass junge Menschen nicht einfach passive Konsumenten städtischer Angebote sind.

Viele wollen selbst organisieren.

Im Sportverein.

In Jugendverbänden.

Bei sozialen Projekten.

In Kulturinitiativen.

In der Hochschulpolitik.

Oder in selbstverwalteten Jugendclubs.

Stadtpolitik sollte diese Menschen nicht nur fördern, indem sie Geld verteilt.

Sie sollte ihnen Arbeit abnehmen.

Einfachere Raumbuchungen.

Weniger Bürokratie.

Kleine Projektbudgets.

Ansprechpartner, die tatsächlich Entscheidungen treffen können.

Genehmigungen, die nicht länger dauern als das Projekt selbst.

Junge Menschen sind keine Besucher auf Zeit

Gerade bei Studierenden existiert manchmal eine problematische Wahrnehmung.

Sie kommen.

Sie studieren.

Und irgendwann gehen sie wieder.

Warum also die Stadt besonders stark an ihren Bedürfnissen ausrichten?

Weil diese Sichtweise zu kurz greift.

Ein Teil bleibt.

Menschen schließen Freundschaften, finden Partner, gründen Unternehmen, arbeiten am Klinikum, wechseln in Forschungseinrichtungen oder Unternehmen und bekommen später Kinder.

Wer mit 20 nach Erlangen kommt, kann mit 30 noch immer dort leben.

Und selbst diejenigen, die später wegziehen, tragen ein Bild der Stadt weiter.

Für einen Wissenschaftsstandort ist das keineswegs unwichtig.

Eine attraktive Universität besteht nicht nur aus guten Professoren und Laboren.

Zu einem Studienort gehört die Stadt darum herum.

Die Konkurrenz schläft nicht

Hochschulen konkurrieren zunehmend um Studierende, Nachwuchswissenschaftler und hochqualifizierte Beschäftigte.

Natürlich entscheiden Studiengang, Forschungsprofil und berufliche Chancen.

Aber Menschen wählen gleichzeitig einen Lebensort.

Kann ich dort Freunde finden?

Kann ich mir das Leben leisten?

Gibt es Kultur?

Gibt es Nachtleben?

Wie bewege ich mich?

Gibt es Orte, an denen Menschen wie ich zusammenkommen?

Fühle ich mich willkommen?

Diese sogenannten weichen Standortfaktoren wirken weniger messbar als die Zahl der Professuren oder Unternehmensarbeitsplätze.

Sie können trotzdem darüber entscheiden, ob jemand fünf Jahre in einer Stadt verbringt und danach froh ist zu gehen oder ob daraus eine langfristige Bindung entsteht.

Die Stadt sollte Jugendfreundlichkeit messbar machen

Der 2026 beschlossene Jugendplan enthält selbst die Forderung, Fortschritte regelmäßig zu evaluieren und Politik sowie Öffentlichkeit über Umsetzung, Hindernisse und Verbesserungsbedarf zu informieren.

ERLkomm hält genau das für entscheidend.

Aus einer Charta darf kein schönes Dokument für ein Rathausarchiv werden.

Erlangen könnte jährlich öffentlich machen:

Wie viele neue frei zugängliche Treffpunkte wurden geschaffen?

Wie viele davon sind überdacht?

Wie viele öffentliche Räume können Jugendgruppen unkompliziert nutzen?

Wie haben sich Abendverbindungen des ÖPNV entwickelt?

Wie viele selbstorganisierte Projekte erhielten Räume oder kleine Förderungen?

Welche Angebote fehlen nach Aussagen junger Menschen weiterhin?

Und vor allem:

Was wurde seit der letzten Befragung tatsächlich verändert?

So würde Jugendpolitik überprüfbar.

Erlangen braucht eine Infrastruktur der ungeplanten Zeit

Vielleicht lässt sich die gesamte Herausforderung auf einen Begriff reduzieren.

Ungeplante Zeit.

Für Schule gibt es Gebäude.

Für Universität gibt es Hörsäle.

Für Arbeit gibt es Büros.

Für Sport gibt es Vereine.

Für Kultur gibt es Programme.

Aber das Leben besteht nicht ausschließlich aus geplanten Terminen.

Eine gute Stadt braucht Orte für die Stunden dazwischen.

Orte, an denen Menschen bleiben können, obwohl gerade nichts vorgesehen ist.

Genau dort entstehen Freundschaften, Initiativen, Subkulturen und manchmal Ideen, aus denen Jahre später Unternehmen, Vereine oder Veranstaltungen werden.

Man kann solche Entwicklungen nicht verordnen.

Man kann ihnen aber Raum geben.

Eine Universitätsstadt muss auch nach der Vorlesung funktionieren

Erlangen besitzt mit seiner Universität, seinen Forschungseinrichtungen, seiner Wirtschaft und seiner ungewöhnlich jungen Bevölkerungsstruktur enorme Voraussetzungen.

Aber eine Stadt darf ihre jungen Menschen nicht hauptsächlich deshalb wertschätzen, weil sie später einmal gut ausgebildete Arbeitnehmer werden.

Jugend ist kein wirtschaftliches Vorbereitungsprogramm.

Junge Menschen sind bereits heute Bürger dieser Stadt.

Sie benötigen bezahlbare Wohnungen.

Gute Mobilität.

Kultur.

Nachtleben.

Öffentliche Räume.

Sport.

Und vor allem Möglichkeiten, selbst etwas zu gestalten.

Die gute Nachricht lautet: Erlangen muss damit nicht bei null anfangen.

Die Stadt verfügt über Jugendhäuser, selbstverwaltete Clubs, Kulturinstitutionen, Vereine und eine starke Universität. Mit dem 2026 verabschiedeten Teilplan Jugend liegen sogar ziemlich konkrete Handlungsempfehlungen vor.

Jetzt kommt der schwierigere Teil.

Aus Erkenntnissen müssen Räume werden.

Aus Handlungsempfehlungen Angebote.

Und aus dem Anspruch einer jugendfreundlichen Stadt muss im Alltag etwas zu spüren sein.

ERLkomm meint: Eine Universitätsstadt darf jungen Menschen nicht nur Hörsäle, Jobs und einen Wohnort bieten. Sie muss ihnen auch Platz zum Leben geben. Erlangen hat viele gute Angebote, aber gerade bei frei zugänglichen Treffpunkten, spontaner Nutzung öffentlicher Räume, Abendmobilität und selbstorganisierten Projekten liegt noch Potenzial. Wer möchte, dass junge Menschen Erlangen prägen, muss ihnen nicht ständig etwas organisieren. Manchmal muss die Stadt ihnen einfach Raum lassen.

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